Vom Scheitern an sich selbst

Der barmherzige Samariter in Hamburg - eine Momentaufnahme vom Scheitern und von der Hoffnung, die allein in Jesus Christus ist.

„ICH HABE DIE SCHNAUZE VOLL!“

Kein Laut ist zu hören. Nur das Geräusch von Absätzen auf dem schicken Pflaster der Fußgängerzone. Gleich ist Arbeitsbeginn. Menschen mit Hafermilch-Cappuccinos eilen vorbei zu den Büros in den oberen Etagen. Keiner hat Zeit, sich zu unterhalten.

Keiner hat Zeit, den Bettler dort auf dem Boden zu bemerken.

„MEIN LEBEN IST SCHEISSE!“

Jonah hat Zeit. Dieser Tag in Hamburg ist der letzte eines verlängerten Wochenendes.

Der Mensch dort auf dem Boden ist jung, maximal Anfang dreißig. Und er sieht übel aus. Sein Gesicht ist von einer schorfigen Wunde entstellt und dann erst die Hände. Sie sind schwer zu beschreiben, sie wirken, als hätte ihr Besitzer in der vergangenen Nacht mit bloßen Händen Gruben ausgehoben und kantige Steine gewälzt: schmutzig, übersät von zahlreichen frischen Wunden und mit abgebrochenen, schwarzen Fingernägeln.

Abschreckend.

Vielleicht „kann“ ihn deshalb keiner sehen.

Er hockt direkt vor der Auslage eines teuren Geschäfts für exklusive Männermoden. „Spätestens, wenn die aufmachen, werden sie ihn verscheuchen“, denkt Jonah.

In der Hand hält der Mann ein Schild:

ICH BIN SEBASTIAN. BITTE HELFT MIR.

„Hallo, Sebastian“, sagt Jonah.

Sebastian schaut auf. Seine Augen sind gerötet, sein Blick ist müde und leer. Jonah sieht, dass ihm ein Vorderzahn fehlt.

„Hallo“, sagt Sebastian.

Jonah gibt Sebastian Geld. Der nickt kurz und schaut dann wieder nach unten. Wieder hört Jonah seinen stillen Schrei: „ICH BIN ALLEIN …“

Jonah überlegt, was er sagen kann. Er möchte nicht einfach weitergehen. Hier sitzt ein Bettler,

ein Mensch,

ein Mann,

ein Mann mit dem Namen Sebastian.

Sein NÄCHSTER.

Und Jonah spürt, dass dieser Nächste Hilfe braucht und Liebe und Hoffnung.

Jonah denkt an Jesus, der uns das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt (Lukas 10,30-37).

„Mir tut das alles sehr leid“, sagt er.

Sebastian zeigt keine Reaktion.

Jonah fühlt sich unwohl. Unsicher.

„Da vorn ist ein Kaffee-Stand. Kann ich dir einen Kaffee holen und vielleicht ein belegtes Brötchen dazu?“

Sebastian schaut kurz hoch: „Lass mal. Du musst auch nicht mit mir reden.“

Kurz ist Jonah versucht, Sebastian ein Gebet anzubieten. Ihm ein paar aufbauende Worte zu sagen, vielleicht von Jesus zu erzählen. Schweigend steht er da. „Soll ich fragen, wo er die Nacht verbringt?“, schießt es ihm durch den Kopf, „Ob er etwas braucht für die Nächte auf der Straße?“.

All das kommt ihm falsch vor.

Er traut sich nicht.

Er fühlt sich hilflos.

Seine Gedanken rotieren: „Wie kann ich helfen?“, „Was kann ich tun?“, „Kann ich etwas tun?“ …

Es ist, als hätte Sebastian diese letzte Frage gehört.

„Lass gut sein, Mann. Mir kann keiner helfen.“

Langsam geht Jonah weiter.

Als er sich noch einmal umdreht, sieht er, wie Sebastian seine Decke zusammenkramt und weiterzieht.